Wer bin ich und warum bin ich?

Die Frage nach dem Sinn des Lebens schließt die Frage nach Sein mit ein (und umgekehrt).

Keine Frage treibt sich häufiger in unseren Köpfen herum – „Wer bin ich und warum bin ich?“

Die Antwort auf diese Frage fällt einem persönlich sehr schwer – während die Anderen die Antwort für mich scheinbar schon haben.

Andere wissen genau wer Du bist:
„Du bist …“, „Du hast …“, „Du willst …“, „Wenn Du … dann“, „Immer möchtest Du …“, „Nie kannst Du …!“

Andere wissen auch was gut für Dich ist:
„Wenn Du …“, „Dir würde helfen, wenn …“, „Du solltest …“, „Versuche doch mal …“, „Hast schon einmal darüber nachgedacht …“

Ich nenne es Schubladen-Denken. Der Andere zementiert mein Sein und steckt das Ergebnis in eine etikettierte Schublade. Und wehe ich verhalte mich nicht entsprechend dem Etikett, dann kommen die „Zurück-in-die-Schublade“ Vorwürfe:
„Du denkst immer nur an Dich!“, „Du weißt ganz genau, dass das nicht gut für Dich ist!“, „Das ist viel zu gefährlich!“, „Willst Du das alles aufs Spiel setzen!“ …

„Ich bin nicht UNVERSCHÄMT,
weil ich sage was ich denke.
Ich bin nicht ARROGANT,
weil ich manche Leute nicht mag.

Ich bin nicht EINGEBILDET,
weil ich eine Meinung habe.
Ich bin nicht VERBISSEN,
weil ich stur bin.

Ich bin nicht IGNORANT,
weil mir manches egal ist.
Ich bin nicht INTOLERANT,
weil ich Abneigungen habe.

Ich bin nicht DEPRESSIV,
weil ich viel nachdenke.
Ich bin nicht NAIV,
weil ich mich um Menschen sorge.

Ich bin nicht KINDISCH,
weil ich manchmal ver-rückt bin.
Ich bin nicht RÜCKSICHTSLOS,
weil ich manchmal laut bin.

Ich bin nicht EGOISTISCH,
weil ich manches allein mache.
Ich bin nicht VERSCHLOSSEN,
weil ich nicht jedem alles erzähle.

Ich bin nicht REALITÄTSFREMD,
weil ich meine eigene Ansichten habe.
Ich bin nicht SCHLECHT,
weil ich Macken habe oder Fehler mache.“

Lass Dich nicht in einer Schublade einzementieren, sondern erfinde Dich jeden Tag neu!

Wundervoll passt die kleine Geschichte zur Frage: Wer bin ich?

»Einmal war ich bei einer Familie zu Gast und saß abends in deren Garten. Die Sonne ging gerade unter und es war ein wunderschöner, stiller Abend. Die Vögel kehrten heim zu ihren Bäumen, und das kleine Kind der Familie saß neben mir. Da fragte ich es: „Weißt Du, wer du bist?“ Kinder sind klarer und scharfblickender als Erwachsene, weil die Erwachsenen schon verdorben sind – infiziert und vergiftet von allen möglichen Ideologien und Religionen. Dieses kleine Kind schaute mich an und sagte: „Das ist aber eine schwere Frage!“

Ich fragte:“Was ist denn so schwer daran?“

Es erwiderte: „Das Problem ist, ich bin das einzige Kinder meiner Eltern, und solange ich mich erinnern kann, sagt immer jemand von unseren Gästen, dass meine Augen aussehen wie die von meinem Vater, und jemand anders sagt, dass meine Nase aussieht wie die von meiner Mutter, oder es sagt jemand, dass mein Gesicht aussieht wie das von meinem Onkel. Darum weiß ich gar nicht, wer ich bin. Keiner sagt, dass irgendetwas aussieht wie ich.“«
Osho, Liebe, Freiheit, Alleinsein, S. 78f

Alfie Kohn schrieb dazu (Liebe und Eigenständigkeit, S. 32):
»Irgendwann wissen solchen Teenager vielleicht gar mehr, wer sie wirklich sind, weil sie sich solche Mühe geben mussten, zu etwas zu sein, was sie nicht sind.« 

Wer bist du? Wer gibst du vor zu sein? Gibt es da einen Unterschied? Falls ja, in welchem Leben willst du DU sein, wenn nicht in diesem Leben?