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Lebe Dein Leben! Lebe Deine Fragen!
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1. Sinn und Werte

Was dem Leben Orientierung und Form gibt.

Was hältst du fest?

Das Leben an sich ist unsicher. Du wirst geboren, du weißt nicht warum. Du wirst sterben, du weißt nicht wann. Deine Geburt kannst du nicht beeinflussen. Deinen Tod kannst du vorziehen, aber du kannst ihn nicht vermeiden. Zwischen Geburt und Tod lebst du. In ständiger Unsicherheit, auf der Suche nach deinem Sinn. Du suchst Sicherheit.

Sicherheit ist eine Täuschungg

Eine Möglichkeit Sicherheit zu erlangen, ist sich an etwas zu klammern.

Du klammerst dich an

  • Menschen: Familie, Freunde, Kinder, Kollegen
  • Dinge: Autos, Häuser, Möbel, Smartphones, Geld
  • Ideen: Religion, Konzepte, Glauben
  • Welt: Du betrachtest die Welt als statisch, Veränderungen dürfen nicht statt finden!

Woran hältst du fest?

In einer ausgeprägten Form ist es ein Festhalten.

  • Ein Festhalten an Menschen – wir geben uns selbst, unsere Bedürfnisse auf, um diese Menschen zu halten, an uns zu binden.
  • Ein Festhalten an Dingen – wir vergeuden unsere Lebenszeit, um diese Dinge erwerben, erhalten und vorzeigen zu können.
  • Ein Festhalten an Ideen – dogmatisch verteidigen wir unsere Ideen, als ob die Welt aufhört zu existieren, wenn diese Ideen in Frage gestellt werden.
  • Ein Festhalten an der Welt – jede Veränderung, jede Andersartigkeit lehnst aus tiefstem Herzen ab, du bekämpfst sie, sofort und unerbitterlich. Im Glauben, du seist im Recht.

Du suchst Sicherheit im Außen. Deine Hoffnung ist, dass es etwas außerhalb von dir gibt, was dir Sicherheit gibt. Genauer gesagt, was dir Sicherheit ›vortäuscht‹.

Die schlechte Nachricht

Die schlechte Nachricht: Es gibt keine Sicherheit. Alles ist Veränderung. Der Fluss des Lebens fließt immerfort. Wer sich aus dem Fluss des Lebens in die Sicherheit flüchtet, verliert die Verbindung zum Leben an sich. Er fühlt sich noch unsicherer, noch einsamer, noch getrennter. Er hat das Lebendige von sich abgetrennt. Ein Teufelskreis beginnt, weil nun der Wunsch nach noch mehr Sicherheit da ist, und dieser Wunsch trennt ihn noch mehr dem Leben an sich usw.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht: Alles in deinem Leben ist einzigartig, vergänglich und wartet auf dich. Wer sich auf das Leben einlässt, wer den Fluss des Lebens besteigt – wohlwissend, dass nichts ewig währt, der erfährt Freude und Glück in allen Dingen. Er ist verbunden mit dem Sein, mit seinem Leben und er hält nicht mehr fest.

Ein Los-lassen, indem er an den Menschen, Dingen, Ideen und der Welt nicht mehr festhält. Ein Zu-lassen, indem er Menschen, Dingen, Ideen und die Welt zu-lässt, sich diesen wirklich öffnet. Ein Ein-lassen auf Menschen, Dinge, Ideen und Welt, im Sinne einer Offenheit, ohne Wertungen, ohne Denk-Scheu-Klappen – und dabei seine eigene Mitte zu achten und neugierig bleiben, ohne anzuhaften.

Hermann Hesse’s Antwort

Hermann Hesse hat all dies so wundervoll in diese Zeilen gepackt

»Dass das Schöne und Berückende
Nur ein Hauch und Schauer sei,
Dass das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei:
Wolke, Blume, Seifenblase,
Feuerwerk und Kinderlachen,
Frauenblick im Spiegelglase
Und viel andre wunderbare Sachen,
Dass sie, kaum entdeckt, vergehen,
Nur von Augenblickes Dauer,
Nur ein Duft und Windeswehen,
Ach, wir wissen es mit Trauer.

Und das Dauerhafte, Starre
ist uns nicht so innig teuer:
Edelstein mit kühlem Feuer
Glänzendschwere Goldesbarre;
Selbst die Sterne, nicht zu zählen,
Bleiben fern und fremd, sie gleichen
Uns Vergänglichen nicht, erreichen
Nicht das Innerste der Seelen.

Nein, es scheint das innigst Schöne,
Liebenswerte dem Verderben
Zugeneigt, stets nah am Sterben,
Und das Köstlichste: die Töne
Der Musik, die im Entstehen
Schon enteilen, schon vergehen,
Sind nur Wehen, Ströme, Jagen
Und umweht von leiser Trauer,
Denn auch nicht auf Herzschlags Dauer
Lassen sie sich halten, bannen;
Ton um Ton, kaum angeschlagen,
Schwindet schon und rinnt von dannen.

So ist unser Herz dem Flüchtigen,
Ist dem Fließenden, dem Leben
Treu und brüderlich ergeben,
Nicht dem Festen, Dauertüchtigen.
Bald ermüdet uns das Bleibende,
Fels und Sternwelt und Juwelen,
Uns in ewigem Wandel treibende
Wind- und Seifenblasenseelen,
Zeitvermählte, Dauerlose,
Denen Tau am Blatt der Rose,
Denen eines Vogels Werben,
Eines Wolkenspieles Sterben,
Schneegeflimmer, Regenbogen,
Falter, schon hinweggeflogen,
Denen eines Lachens Läuten,
Das uns im Vorübergehen
Kaum gestreift, ein Fest bedeuten
Oder wehtun kann: Wir lieben,
Was uns gleich ist, und verstehen,
Was der Wind in den Sand geschrieben.«

Hermann Hesse

Loslassen konkret

Wer loslässt, wer zulässt, für den sind Menschen, Dinge, Ideen und die Welt kein Gegenstand des Handelns mehr. Sie sind keine Objekte, die es zu bearbeiten, beeinflussen oder zu verändern gilt. Es sind keine Ressourcen, für die eigene Zielerreichung, Zufriedenheit oder Lust.

Wer loslässt, wer zulässt, fliesst mit im Fluss des Lebens. Er wirkt mit, indem er die Welt sich entfalten lässt. Was ist, ist. Weil alles fließt, nimmt er nichts mehr an, sondern nimmt teil am Leben.

»Reisender, es gibt keine Wege, Wege entstehen im Gehen.«

Antonio Machado

Wer loslässt, wer zulässt kann warten, er überlegt wohl, was er tut, er hält inne, er geht kleine Schritte, er geht wieder ein paar Schritte zurück. Er ist ohne Grund heiter, weil ein Grund ein Festhalten wäre und ohne Festhalten alles ein Geschenk ist.

»Ich habe gelernt, auf die Hinweise, Winke und Anzeichen zu achten. Das Gewebe ist viel dichter als wir glauben, die Bezüglichkeiten viel stärker, als wir gemeinhin ahnen. Sie werden erfahrungsgemäß an den Kleinigkeiten offensichtlicher als an den so genannt großen Geschehnissen. Mich beglücken immer von neuem diese Bezüglichkeiten, die gleichsam die kleinen Glanzlichter jedes Tages sind, wo verschiedene Lebensbereiche einander berühren und wo im Kleinen und Alltäglichen das Wunder des Gefügtseins des Lebendigen aufleuchtet.«

Jean Gebser

Loslassen und zulassen bedeutet nicht, Gleichgültig gegenüber Menschen, Dingen, Ideen und der Welt zu sein. Sondern in gelassener Art und Weise darauf zu antworten. Ein Sprecher aus der eigenen Mitte, verbunden mit seinen Emotionen, Gefühlen, Gedanken – spricht der Gelassene ohne auf die soziale Erwünschtheit einzugehen. Er spricht ohne verletzen oder gefallen zu wollen. Er achtet darauf, mit wem er spricht und wählt seine Worte dementsprechend – er übt sich in der Kunst des rechten Antwortens. Er ist im diesem Sinne „eigen-sinn-ig„!

Alles ist im Fluss des Lebens

Du kannst nichts festhalten. Du kannst alles in seiner Einzigartigkeit und seiner Vergänglichkeit erkennen, leben. Alles, was auf dich einwirkt, wird ein Teil von dir, es verwandelt dich.

In einem Satz:

»Nothing is created, nothing is destroyed, everything is in transformation.«

Thich Nhat Hanh

Was das Leben dir bringt

Doch wie lässt du los? Was kannst du konkret dafür tun, was tust du nicht mehr? Diese Frage beschäftigte bereits Lǎozǐ. Im Dàodéjīng schrieb er im Kapitel 59 (eigene Übersetzung nach Mitchell).

»Großzügig wie der Himmel,
alles durchflutend wie das Sonnenlicht,
zuverlässig wie ein Fels in der Brandung,
biegsam wie ein Baum im Wind,
hat er kein Ziel vor Augen
und macht von allem Gebrauch,
was das Leben ihm bringt.«

Lǎozǐ

Abschlussfragen

Was hältst du noch fest, was du loslassen möchtest? Wie bist du erstarrt, wo du biegsam sein möchtest? Wo möchtest du mehr zulassen? Worauf willst du dich einlassen, ohne anzuhaften?

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Treibst du deinem Kind die Lebendigkeit aus?

Zeit verhält sich sonderbar. Mal rennt sie, mal steht sie still. Manchmal verschwindet die Zeit, manchmal betrügt uns die Zeit. Zeit als ein seltsames Ding, einem Lebewesen gleich. Dann die Rationalisten, die Zeit als eine Konstante, 24 Stunden am Tag, definieren. Unterteilt in Stunden, Minuten, Sekunden. Kein Zauber, Tick – Tack – Tick – Tack …

 

Zauberer der Zeit

Wenn sich Zeit in deiner Wahrnehmung verändert, du selbst Kinder auf ihrem Lebensweg begleitest, kennst du vielleicht die Wirkung von Kindern auf Zeit. Kinder sind Zauberer der Zeit. Sie können mit ihren strahlenden Augen die Zeit anhalten, der Augenblick erscheint unendlich. Alles Leben strahlt in diesem Augenblick, so viel Energie, Kraft, Lebendigkeit, Freude, Präsenz, es ist unglaublich.

Wenn Kinder schreien, nachts schreien, dehnt sich die Zeit. Jeder Schrei eine Ewigkeit, der nächste Schrei die doppelte Ewigkeit. Geht es Kindern nicht schnell genug, kennen sie kein „warte mal kurz“, sondern nur ein „jetzt und sofort“. Zeit scheint für sie nicht zu existieren. Kinder beherrschen die Zeit, Kinder sind Meister der Zeit.

 

Erwachsene betrachten sich als Opfer der Zeit

Kinder wachsen, werden erzogen, verwandeln sich in Erwachsene. Sie verlieren ihre Fähigkeit, mit der Zeit zu zaubern. Plötzlich beherrscht die Zeit die Kinder. Die Zeit gibt den Takt vor. Es beginnt mit einer unscheinbaren Armbanduhr, die ein Kind tragen „muss“, damit es nicht zu spät kommt. Dann der Stundenplan, die Strafen, wenn es Hausaufgaben-Termine nicht darbietet. Die Gesellschaft erzieht zur Zeit-Disziplin.

 

Für alles gibt es plötzlich eine Zeit

Es gibt eine Zeit zum Schlafen, eine Zeit zum Essen, eine Zeit zum Spielen, eine Zeit zum Üben eines Musikinstruments, eine Zeit zum Lernen, eine Zeit für alles. Vor der Zeit-Disziplinierung gestaltet das Kind seine Zeit nach seinen Bedürfnissen. Während der Anpassungsmassnahmen muss das Kind lernen, dass es seine Bedürfnisse nach der Zeit richten muss. Er verliert den ersten Kontakt zu seinen Bedürfnissen. Es lernt sich unterzuordnen, zu gehorchen, zu funktionieren (jetzt ist Sportstunde, jetzt wird gegessen, jetzt wird nicht gespielt, sondern gelernt).

 

Disziplin und Gehorsam statt Lebendigkeit

Wir vertreiben die Lebendigkeit aus dem Kind und ersetzen es mit Disziplin und Gehorsam. Dann wundern wir uns, dass in unseren Bussen und Bahnen viele Menschen sitzen, die regungslos, bewegungslos, emotionslos ins Leere starren. Sie funktionieren, stehen auf, gehen arbeiten, konsumieren, schauen fern, trinken Alkohol, rauchen. Ihr Leben ist fremdbestimmt.

Gute Manieren als Maske

Mit der Disziplin lernt das Kind auch ›gute Manieren‹. Gute Manieren bedeuten, dass Kinder die Erwartungen anderer Menschen erkennen und beachten müssen. Während ihre eigenen Erwartungen als kindlich, unwichtig und unreif bewertet werden. Zu Beginn sorgen sich Kinder selten um die Erwartungen ihrer Umwelt. Sie schreien, wenn sie schreien möchten, sie lachen, wenn sie lachen möchten, sie haben Hunger, wenn sie Hunger haben …

Sie sagen frei und offen, was sie denken. Kinder fragen andere direkt, sie fragen, was sie interessiert. Sie fragen die Tante, warum sie nicht verheiratet ist. Sie fragen den Onkel, warum er keine Arbeit findet. Sie fragen den Opa, warum er drei Autos braucht. Sie fragen den Nachbarn, warum er so viel Müll produziert. Sie fragen die Mama, warum sie Essen in den Müll wirft, wo doch andere Kinder verhungern.

 

Fragen werden bewertet und Interesse vernichtet

Ihre Fragen sind voller Interesse und Lebendigkeit. Sie brennen darauf, Fragen zu stellen. Wir bringen ihnen bei, dass es gute und schlechte Fragen gibt. Das „man“ manche Fragen nicht stellt. Dann hören Kinder auf, Fragen zu stellen. Sie hören auf Interesse zu zeigen, verlieren von ihrer Lebendigkeit. Sie besitzen nun gute Manieren.

 

Normierung bis sie ihre Träume begraben

Kinder sprühen vor Kreativität, vor Fantasie, sie können noch träumen. Erschaffen sich Welten voller Schönheit, ein Tisch wird zu Höhle, ein Stuhl zum Thron, eine Gabel zum Zauberstab, ein Handtuch zur Schleppe. Sie malen Menschen, Bäume in ihrer ganz persönlichen Art und Weise, individuell und nicht kopierbar. Bis wir ihnen klar machen, wie ein Baum auszusehen hat, das ein Handtuch kein Spielzeug ist, was Wirklichkeit ist und das Träumen zu nichts führt und nichts bringt. Wir töten Kreativität, vertreiben die Fantasie aus ihren Köpfen und begraben ihre Träume mit beiden Händen.

Drogen als Ersatz

Zeitlich eingetaktet, gedrillt auf gute Manieren, ihre eigenen Bedürfnisse verdrängt, ihre Träume vergraben – so beginnen Kinder am Ende der Kindheit mit dem ›Ernst des Lebens‹. Spaß haben sie an Fasching, mit Alkohol oder Abends auf einer Party. Spontanes Lachen wirkt unkontrolliert, kindlich und unpassend.

Kinder kommen voller Lebendigkeit, voller Freude, voller Neugier, sie strahlen, sie bringen andere Menschen zu strahlen, sie wirken durch ihre Präsenz. Warum unterstützen wir sie nicht, dies zu bewahren?

 

Zum Abschluss – Geplatzte Träume

»Ich wollte Milch und bekam nur die Flasche,
ich wollte Nähe und schlief in der Wiege,
ich wollte Liebe und sie ließen mich schreien.

Ich wollte spielen und kam in die Kita,
ich wollte Freiheit und sie setzten Grenzen,
ich wollte schimpfen und sie sagten: Nein!

Ich wollte lernen und musste zur Schule,
ich wollte Bindung und wurde gelobt,
ich wollte leben und sie mich schön selbstlos.

Ich wollte Frieden und sie zogen mich ein,
ich wollte Wahrheit und hörte nur Lügen,
ich wollte weinen und sie spendeten Trost.

Ich war kreativ und schrieb nur Berichte,
ich hatte Motive und bekam Motivierung,
ich wollte Vertrauen, empfand Boni als Verrat.

Ich wollte helfen und sie soziale Gesetze,
ich wollte Sicherheit und glaubte lange an Rente,
ich wollte Recht und sie mästeten den Staat.

Ich wollte sparen und sie druckten mehr Geld,
ich wollte Freiheit und bekam Demokratie,
und nun ist mir klar:
Ich wollte das Gute und bin eigentlich ›sie‹.«

 

Abschlussfragen

Wie begleitest du dein Kind? Treibst du deinem Kind die Lebendigkeit aus?

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Wird dein Leben immer schneller?

Jugendliche können es kaum erwarten, endlich 18 zu werden. Junge Menschen hören oft von den „alten“ Menschen, dass die Zeit umso schneller vergeht, je älter wir werden. Den meisten geht es dann so: Je älter du wirst, desto schneller empfindest du die Geschwindigkeit der Zeit. Das ist normal und kein neues Phänomen. Erfahre mehr, warum dies so ist.

 

Zeitwahrnehmung und dein Alter

Einer davon vergleicht die Relation der Zeit:

  1. Du bist 10 Jahre alt. Wenn du nun einen Tag erlebst, so ist die Relation des 1 Tages zu dem Lebensjahr groß. Er kommt dir lang vor.
  2. Du bist 50 Jahre alt. Wenn du nun einen Tag erlebst, so ist die Relation zu den 50 Lebensjahren klein. Er kommt dir kürzer vor.

 

Zeitwahrnehmung und dein Denken

Ein weiterer bezieht sich auf die Dinge, die wir neu entdecken (unsere Aufmerksamkeit lenken):

  1. Mit einem Jahr ist Welt voller Entdeckungen, unser Gehirn nimmt viele neue Impulse auf, die Zeit scheint länger zu sein. Je mehr wir denken, desto länger kommt uns die Zeit vor.
  2. Mit 50 Jahren ist (je nach Einstellung) die Welt bereits entdeckt, Neues ist eher eine Seltenheit. Das Gehirn nimmt kaum neue Impulse auf. Je weniger wir denken, desto länger kommt uns die Zeit vor.

 

Zeitwahrnehmung und deine Blickrichtung

Ein weiterer betrachtet die Blickrichtug auf die Zeit:

  1. Mit 20 Jahren vergleichst du die Gegenwart mit der Vergangenheit. Die Möglichkeiten in der Zukunft scheinen unendlich. Die Zeit dehnt sich für dich. Du hast den Fokus auf die Vielfalt des Lebens – auf die Zukunft.
  2. Mit 60 Jahren vergleichst du die Gegenwart mit der immer kürzer werdenden Zukunft. Die verpassten Chancen der Gegenwart rücken in den Fokus. Die Zeit zieht sich für dich zusammen. Du hast den Fokus auf das Nicht-Erreichte, auf die nicht genutzten Möglichkeiten – auf die Vergangenheit.

 

Zeitwahrnehmung und die Entscheidung über deine Zeit

Wer entscheidet, wofür du deine Zeit verwendest? Wer hat das Verfügungsrecht (die Dispositionsmacht) über deine Zeit?

  1. Je größer deine Verfügungsmacht über deine Zeit, desto mehr glaubst du, zu haben.
  2. Je kleiner deine Verfügungsmacht über deine Zeit, desto kleiner schätzt du deine Zeit ein. Oder anders gesagt: Je mehr andere über deine Zeit entscheiden, desto weniger Zeit hast du.

Diese vier Erklärungsversuche sind unabhängig von der Kultur.

 

Zeitwahrnehmung und deine Kultur

Diese drei Erklärungsversuche sind unabhängig von der Kultur. Unsere Kultur bietet weitere Faktoren, die deine Zeitwahrnehmung beeinflussen. Hier drei Beispiele (Hartmut Rosa, Wir brauchen Extrazeit, Philomag  2/2013, S. 56ff):

  1. Die technische Beschleunigung. Wir versuchen, die Dinge möglichst schnell zu tun. Alles in der kürzest möglichen Zeit zu tun, keine Zeit zu verschwenden. Wir rasen über die Autobahn, wir verplanen unseren Tag optimal, wir lassen keine Pausen mehr zu.
  2. Die Beschleunigung des sozialen Wandels. Die Zeiträume der Gegenwart werden immer kleiner (Hermann Lübbes Begriff der »Gegenwartsschrumpfung«). Dabei ist die Vergangenheit die Zeit, nicht mehr ist – die Zukunft ist die Zeit, die noch nicht gilt; damit bleibt die Gegenwart als die Zeit, in der die Dinge eine gleichbleibende Geltung haben. Und die Geltung der Dinge, der Bestand der Dinge ist immer kürzer. Die Email von vor 4 Stunden ist schon alt, die SMS von vor 30 Minuten ist schon alt. Wir verkürzen die Gegenwart immer mehr, in dem wir den Dingen weniger Bestand geben.
  3. Die Beschleunigung des eigenen Lebens. Emails zu bearbeiten ist wie eine Sisyphos Arbeit. Kaum habe ich alle bearbeitet, schon komme neue Emails. Und dies gilt für viele Bereiche, die neue Fotokamera ist einen Monat später veraltet. Die Weiterbildung von vor 6 Monaten braucht dringend ein Update – ebenso das Betriebssystem, welches wir dann neue erlernen sollten. Auch die Bücher, die wir gelesen haben sollten, nehmen immer mehr zu. Keine Zeit für Entschleunigung in unserem Leben, sondern immer schneller – schneller – schneller.

 

Wie du deine Zeit verschwenden kannst

Falls du das Gefühl hast, dass dein Leben immer schneller verläuft, zu schnell, hier ein paar provokante Thesen:

  • Je mehr Dinge du hast, desto weniger Zeit wirst du haben.
  • Je mehr Technik du einsetzt, desto weniger Zeit wirst du haben.
  • Je mehr Dinge du gleichzeitig tust, desto weniger Zeit wirst du haben.
  • Je mehr Dinge du hintereinander machst, desto weniger Zeit wirst du haben.
  • Je weniger Übergänge (Pausen) du in deinem Tun kennst, desto weniger Zeit wirst du haben.
  • Je schneller deine Verkehrsmittel sind, desto weniger Zeit wirst du haben.

 

Wie du mehr Zeit gewinnst!

Oder umgekehrt formuliert:

  • Je weniger Dinge du hast, desto mehr Zeit hast du.
  • Je weniger Technik du einsetzt, desto mehr Zeit hast du.
  • Je weniger Dinge du gleichzeitig tust, desto mehr Zeit hast du.
  • Je weniger Dinge du hintereinander machst, desto mehr Zeit hast du.
  • Je mehr du die Übergänge pflegst (Abschied – Ankunft), desto mehr Zeit hast du.
  • Je langsamer deine Verkehrsmittel, desto mehr Zeit hast du.

 

Gestalte die Übergänge

Gerade die Übergänge finden immer weniger Raum. Sei es der Abschied von einem Tag, die letzten Minuten vor dem zu Bett gehen. Sei es die Begrüßung eines Freundes, Bekannten in aller Ruhe und mit voller Aufmerksamkeit oder das Ankommen an einem neuen Ort.

 

Zeit ist gerecht

Das gerechteste auf der Erde ist die Zeit,  jeder Mensch 24 Stunden am Tag hat. Keiner hat mehr, keiner hat weniger. Bestimmend für unser Zeitgefühl ist nicht die wissenschaftliche Bestimmung oder Einteilung der Zeit, sondern deine subjektive Wahrnehmung der Zeitnutzung.

Doch Worte, wie leicht geschrieben. Albert Einstein sagte treffend:

»Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern nur durch Arbeit und eigene Leistung.«

~ Albert Einstein

 

Abschlussfrage

Was machst du aus deinen 24 Stunden? Was ist deine Meinung zu den Thesen?

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Hast du den Mut deine Masken abzulegen?

Das Leben als Maskenball. Alle verstellen sich und tun so, als merke dies keiner. Ein Maskenball, der in der Kindheit beginnt und mit dem Tod endet. Ein anderes Leben, nicht das eigene, wird gelebt. Was wäre es für ein Leben, wenn sich jeder wirklich zeigen würde?

Die Grube

Viele schaufeln sich ihre eigene Grube, fallen hinein und beklagen sich darüber. Konkret: Viele verstellen sich (schaufeln sich ihre Grube), wünschen sich jedoch von anderen gesehen zu werden, so wie sie ›wirklich‹ sind (fallen hinein).

Gustav Klimt – Allegorie des Theaters, um 1895

Innerlich zerfrisst sie die Unzufriedenheit, weil keiner sie wirklich kennt. Sie kennen sich selbst kaum. Ein Teufelskreislauf: Wenn mich jemand wirklich kennen würde, könnte ich mehr sein, wie ich wirklich bin.

Rainer Marie Rilke sagt es so treffend, die Menschen reden zwar von sich selbst, doch die meisten wissen nicht, wer sie wirklich sind:

»…
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen«

Rainer Marie Rilke – Menschen bei Nacht

Im Rilke Projekt ist ‚Menschen bei Nacht‘ herrlich von Peter Maffay vertont. Vielleicht hat er mit Menschen nicht andere Menschen gemeint, sondern unsere

Menschen bei Nacht

Statt dessen verstecken wir uns hinter Masken! Wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Wir verspielen unser Leben im wortwörtlichen Sinne. Doch wir verspielen es nicht nur, nein, wir verdrängen auch, dass wir Masken tragen. Doch noch schlimmer, wir fürchten uns vor dem, was hinter der Maske zum Vorschein kommen könnte. Wir haben Angst vor uns selbst!

Al Margen

Al Margen

»Wer in den Spiegel des Wassers blickt, sieht zunächst sein eigenes Bild. Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst. Der Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut, nämlich jenes Gesicht, das wir der Welt nie zeigen, weil wir es durch die Persona, die Maske des Schauspielers, verhüllen. Der Spiegel aber liegt hinter der Maske und zeigt das wahre Gesicht. Dies ist die erste Mutprobe auf dem inneren Wege, eine Probe, die genügt, um die meisten abzuschrecken, denn die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.«

Carl Gustav Jung

 

 

Tragisch

Tragisch wird das Ganze deshalb, weil jeder so sein könnte, so wie er ist. Einfach so. Dazu braucht er keine Modemarken, kein Smartphone, kein Glitzer, kein Scheinen-Wollen. Doch das ist eine alte Geschichte

Tragisch, weil viele den gleichen Wunsch in sich tragen. Und wenn jeder von denen sich verändern würde, könnte es allen besser gehen.

Tragisch, weil jeder sich nach wahrer Liebe sehnt, doch da wir uns nur mit Maske zeigen, kann uns keiner wirklich lieben (weil dein wahres Gesicht/Ich keiner kennt).

»Denn das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein. Und das vermag ein jeder Mensch, so er will.

Søren Kierkegaard

 

Bei den Kindern beginnt es

Rilke bringt es gnadenlos auf den Punkt: Als Masken mündig, als Gesicht verstummt! Grausam, ehrlich, Realität!

»Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,
Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,
verkleidet schon als Kinder, eingemummt,
als Masken mündig, als Gesicht – verstummt.«

Rainer Maria Rilke

Kinder lernen, dass sie nicht gut genug sind. Im Kindergarten gibt es Listen, wer etwas gut und nicht so gut kann. Sie lernen, ich bin nicht gut genug. Sie lernen, dass sie die Erwartungen nicht erfüllen. Sie beginnen eine Maske zu tragen. Wir nennen dies „lernen“. Und der Kindergarten ist die harmlosere Form der Schule …

 

Es setzt sich fort: Die Beziehung zu Dir selbst!

Beziehung zu sich selbst? Ja! Kennst Du diese Situation: “Du, ich kann heute Abend doch nicht. Mein Auto muss in die Werkstatt.” oder “Du, ich habe jetzt doch noch einen Termin beim Zahnarzt bekommen und kann heute nicht zum gemeinsamen Mittagessen.”

Zwei alltägliche, von anderen akzeptierte Aussagen. Nichts dabei, oder? Wie wäre es mit solchen Aussagen:

“Du, ich kann heute Abend doch nicht. Ich brauche Zeit für mich. Nein, mir geht es nicht schlecht, sondern einfach Zeit für mich.”

oder

“Du, mir ist heute wichtig, dass ich beim Mittagessen Zeit für mich habe und komme deshalb nicht zum gemeinsamen Mittagessen. Nein, mir geht es nicht schlecht, ich brauche einfach Zeit für mich.”

Wie leicht fällt es manchmal für das Auto Termine abzusagen, für die Gesundheit, für die Oma, für alles auf der Welt können wir ohne Probleme Termine absagen. Nur wenn es um die wichtigste Beziehung im Leben geht, um die Beziehung zu uns selbst, da tun wir uns schwer.

Warum eigentlich?

Was oder wer hindert dich daran, du selbst zu sein.

  • Weil wir sonst als egoistisch gelten – und so wollen wir nicht gesehen werden?
  • Weil wir sonst so dastehen, wie das es uns nicht gut geht – und wir wollen keine Schwäche zeigen?
  • Weil wir Angst haben den anderen damit zu verletzen, da er diese Aussage als “gegen-sich-gerichtet” betrachten könnte – und es doch gar nicht so gemeint ist?
  • Weil wir uns am liebsten nicht mit uns beschäftigen, sondern Ablenkung im Außen brauchen – und Zeit mit uns allein deshalb gefährlich wäre?

 

Sei endlich du selbst

  • Sei du selbst. Lege deine Masken ab.
  • Sei du selbst. Sei dein eigener Maßstab.
  • Sei du selbst. Stehe für dich ein.
  • Sei du selbst. Zeige dich, sei greifbar.
  • Sei du selbst. Nehme dich an, wie Du bist.

Es scheint das einfachste in der Welt, da es keine Voraussetzungen kennt. Du brauchst keine Bücher dafür, keine Seminare, keine Berater. Du musst nicht darauf sparen oder warten, bis du Zeit dafür hast oder gar auf bessere Umstände warten, du kannst immer du sein!

 

Brauchst du Mut dazu?

Vielleicht brauchst du Mut, um den ersten Schritt zu tun.

  • Mut dich selbst zu sehen, dich mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen zu sehen.
  • Mut dich zu zeigen, dich anderen mit deinen Stärken und Schwächen zu zeigen.
  • Mut dich verletzen zu lassen, dich ins Risiko zu begeben und zu verlieren.
  • Mut dich auffangen zu lassen, dich in den freien Fall zu wagen.
  • Mut dich selbst näher kennen zu lernen, dich in die dunklen Ecken zu begeben.
  • Mut dich selbst zu lieben, so wie du bist!

 

Was erwartet dich ohne Maske?

Jahrelang klammerst du dich an deine Maske/n. Sie geben dir Sicherheit, Vorhersehbarkeit. Du weisst, was du hast und bekommen wirst (auch wenn es nicht das ist, was du bist und gerne hättest oder brauchst).

Ja, ohne Maske wartet als erstes die Ungewissheit, die Unsicherheit. Du weißt nicht, wie andere auf dich reagieren. Ob sie dich dafür ablehnen, ausgrenzen, verurteilen. Ja, manche werden dir sagen, dass du mit Maske besser in ihre Erwartungen, in ihre Schublade von dir, gepasst hast. Ja, manche werden dir Nahe legen, wieder „wie früher“ zu sein, deine Maske wieder zu tragen. Ja, manche mochten dich nur mit deiner Maske. Du trägst als Preis für ihre Zuwendung deine Maske.

Und es wird Menschen geben, die freuen sich, dass du deine Maske ablegst. Sie fangen dich auf, unterstützen dich, sie sehen dich. Diese Menschen wollen dich wirklich sehen, so wie du bist. Sie atmen auf, dass du greifbarer bist. Sie sehen dir an, dass es noch ungewohnt ist, sie sehen die Kraft in deinen Augen, die langsam zu wachsen beginnt.

Ich mag Rilke, oh, welche Zeilen er dazu zauberte:

»Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt… «

Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf

 

Bist du du gewesen?

Zum Abschluss Martin Buber:

»Als es mit Rabbi Sussja ans Sterben kam, fragten ihn seine Schüler und Freunde: Hast du denn gar keine Angst? Rabbi Sussja gab zur Antwort: Wenn ich an all die Grossen und Bedeutenden denke, an Mose und Abraham und Jeremia, den Propheten, dann wird mir schon Angst. Aber ich bin gewiss: Gott wird mich in der kommenden Welt nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen, sondern: Warum bist du nicht Sussja gewesen?«

Martin Buber

 

Worte für deinen Weg zu dir

Vielleicht helfen dir folgende Worte auf deinem Weg:

“Wir haben gelernt zu TUN, nicht zu SEIN.”

“Sich um jemanden zu kümmern, bedeutet nicht, die Verantwortung für ihn zu übernehmen.”

“Wirkliche Begegnung geschieht nur von Mensch zu Mensch, nicht von Maske zu Maske.”

“Wenn Sie eine Maske tragen und der andere auch, dann ist das keine Beziehung, sondern ein Maskenball!”

“Schluss mit nett, seien wir ehrlich!”

(Zitate aus d’Ansembourg, T., 2011, Endlich ICH sein : wie man mit anderen zusammenleben und gleichzeitig man selbst bleiben kann)

 

Abschlussfrage

Was erwartest du, wenn du deine Masken ablegst?

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Macht Weihnachten die Welt zu einem besseren Ort?

Die Stimmung vor den Weihnachtsfeiertagen ist anders. Geschäftiger, die Läden für Bücher, Ernährung und Geschenke aller Art sind übervoll. Überall wünschen sich die Menschen frohe, besinnliche, schöne Feiertage. Manchmal herrscht eine Freundlichkeit, die so selten in Deutschland ist. Führt Weihnachten zu einem besseren Miteinander?

Quintessenz

  • Weihnachten als ein wunderbarer Möglichkeitsraum für Begegnung oder für Stress
  • hohe Erwartungen werden meist nicht offen ausgesprochen
  • vielerorts erinnert Weihnachten an ein Schauspiel, jeder trägt eine Maske
  • Motto: Wir sind eine Familie und an Weihnachten (wenn auch nur dann) zeigen wir es
  • der Höhepunkt des Schauspiels sind die Geschenke, jetzt zählt jede Mimik und Geste
  • Weihnachten alleine kann keine Beziehung heilen
  • was während des Jahres versäumt wurde, lässt sich an Weihnachten nicht aufholen
  • Weihnachten zeigt auf, wie sehr wir unsere Kultur von Freude abgetrennt haben

Weihnachten für mehr Zweisamkeit

Die Familien treffen sich wieder, jeder wird von anderen beschenkt, „man“ ist mehr oder weniger gezwungen „nett“ zueinander. Als Zwistigkeiten werden mehr oder weniger erfolgreich „bei Seite geschoben“. Man schaut sich wieder in die Augen, sitzt an einem Tisch.

Über Gespräche und gemeinsame Erinnerungen werden Brücken gebaut. Es kann gemeinsam gelacht werden. Manche Familie singt sogar gemeinsam, etwas unglaublich Verbindendes. Weihnachten als Möglichkeitsraum sich wieder zu begegnen.

Weihnachten führt zu mehr aneinander denken

Und sei es nur, um die Frage zu beantworten, was ich schenken soll. Selbst diese Frage erfordert, die Gedanken an die geschenkte Person zu lenken. Was mag sie? Was habe ich letztes Jahr geschenkt? Wie kam es an?

Es kann zwar wieder beim Parfüm, Socken, Krawatte oder Buch-Gutschein enden, doch so lange haben manche das ganze Jahr nicht aneinander gedacht.

Weihnachten bringt alle an einen Tisch

Essen verbindet. Gemeinsames essen, ist mehr als „satt“ zu werden. Es ist eine soziale Interaktion, eine der ältesten der Menschengeschichte. Vielerorts wird das Essen gemeinsam vorbereitet. Selbst die Auswahl wird teilweise Wochen vorher in „fast“ endlosen Telefonaten abgestimmt. Essen verbindet.

Gleichzeitig liefert das Essen ausgiebig Gesprächsstoff. Sei es die Qualität oder die Menge, die Zufriedenheit der einzelnen oder die Vergleiche mit früheren Essen oder oder oder. Unendliche Anknüpfungspunkte.

Alle sitzen an einem Tisch. Die Struktur wird durch die Abfolge festgelegt. Die Tafel ist festlich gedeckt. Die feierliche Stimmung steigt und die Erwartungen sind groß.

Weihnachten und seine Vorgeschichte

Da sehen sich Menschen das ganze Jahr nicht, und plötzlich treffen alle (auf meist zu engem Raum) aufeinander. Das ganze Jahr hat es maximal (wenn überhaupt) zum Anruf oder der SMS am Geburtstag gereicht. Natürlich mit der obligatorischen Feststellung, dass „man“ sich unbedingt zeitnah sehen will – „man“ nur nicht weiß, wann dieses „zeitnah“ sein soll. Das Treffen wird höfflich, stillschweigend beiderseitig vertagt.

Dieses Treffen wird durch seine enge im Raum (viele Menschen, kleine Räume) nicht leichter. Der Christbaum nimmt dabei noch zusätzlich Platz weg und kleine Kinder sollen tunlichst nicht daran rumspielen (so wie letztes Jahr, als der Baum umfiel …)

Das viele zum Fest kommen, bei denen die letzten Tage und Wochen vor Weihnachten – wegen Weihnachten – stressig waren und sie eigentlich Ruhe und Erholung bräuchten, kommt zur individuellen Vorgeschichte dazu. Meist war die Zeit für Geschenke und Einkäufe zu kurz und das schlechte Gewissen deswegen ist unentdeckt vorhanden.

Weihnachten birgt Gefahren

Da haben wir es, viele Menschen, die sich während des Jahres kaum sehen, auf viel zu engem Raum, mit einem latent schlechten Gewissen. Gleichzeitig hohe Erwartungen, ein „schönes“ Fest für alle zu erleben. Bloß keine heiklen Themen ansprechen, damit die Stimmung nicht kippt.

Der ganze Ablauf ist oft ritualisiert, d. h. es gibt feste Abläufe, wann was zu passieren hat und wer was zu tun hat. Meist kommen diese Rituale noch aus den eigenen Kindertagen, doch aus den Kinderschuhen sind die Menschen entwachsen, aus den Ritualen meist nicht. Verschärfend wirken hier „familienfremde“ Mitglieder, z. B. Ehefrauen, Ehemänner, … Sie kennen die Rituale nicht und wissen nicht um heiße Eisen.

Eine nicht offen angesprochene angespannte Situation kann entstehen. Oberflächliche Höflichkeit mit dem (unbewussten) Wunsch, es möglichst schnell hinter sich zu bringen, um wirklich schöne Weihnachten woanders zu feiern.

Weihnachten und die Justiz über die Geschenke

Dann kommt es zum unvermeidlichen Geschenkeauspacken. Die Erwartungen bewegen sich auf dem Höhepunkt. Hat der andere meinen Wink zum Geschenk verstanden (er war doch so klar)? Letztes Jahr habe ich doch deutlich gemacht (indirekt auf jeden Fall), was mir NICHT gefällt!

OK, ich habe mir nicht mit allen Geschenken viel Mühe gegeben. Am Ende fehlte mir die Zeit (und ehrlich gesagt die Lust). Und so ein Gutschein ist doch immer gut!

Tragisch wird der Erwartungspoker erst, wenn die Geschenke unter Aufsicht ausgepackt werden. Ab jetzt gilt es Gestik und Mimik bei sich selbst genau zu steuern und Gestik und Mimik bei anderen penibel zu beobachten. Nur keine Blöße zeigen, egal was kommt, ich freue mich wie ein Schneekönig.

Und wehe, wenn der andere mit seinem Geschenk nicht einverstanden ist. Bin ich Hellseher, ich habe mein Bestes gegeben. Natürlich sage ich öffentlich, dass jeder sagen kann, wenn ihm ein Geschenk nicht gefällt – doch wehe dem, der es wirklich zum Ausdruck bringt. So etwas Undankbares.

Weihnachten als Schauspiel

So spielen sich alle oft gegenseitig eine Seifenkomödie vor. Erst in vertrauter Runde offenbaren sich die Beschenkten. Beschweren sich über dieses billige Geschenk, über die Gedankenlosigkeit, die Unfähigkeit selbst klare Hinweise zu ignorieren. Hier wird abgerechnet und abgewertet. Ohne Gnade.

Doch zuvor setzt man sich nach der Bescherung zusammen und redet über alte Zeiten. Meist sehr alte Zeiten, weil es gemeinsame Erlebnisse (außer an Weihnachten) seit vielen Jahren nicht mehr git. Dieser Gesprächsstoff ist so zäh, weil er bereits seit Jahren herhalten muss. Jede Anekdote bereits zigfach erzählt. Die meisten quälen sich durch den Abend.

Irgendwann ist der Höfflichkeit genug Ehre getan. Noch ein paar Abschlusslügen („dieses Jahr war es wie immer richtig schön bei euch“, „Danke für das tolle Geschenk, habe ich mir seit vielen Jahren gewünscht“ …) und Türe zu. Geschafft.

Die Maske kann langsam abgelegt werden. Wenigstens gibt es jetzt wieder genügend Lästerstoff für private Runden und die Klage über das familiäre Weihnachtsfest. Motto: „Ich armes Opfer musste das den halben Tag ertragen, könnt ihr euch das vorstellen.“

Weihnachten bringt uns näher?

Manche sicherlich, doch die wenigsten. Die Wärme und Herzlichkeit ist oft aufgesetzt, weil eben Weihnachten ist. Wer wirklich warm und herzlich ist, der braucht dazu kein Weihnachten. Der zeigt es lieber die anderen Tage im Jahr.

An einem Tag (oder zwei Tagen) im Jahr kann nicht nachgeholt werden, was den Rest des Jahres versäumt wurde. Wachstum in Beziehungen braucht Dauer und Regelmäßigkeit.

Ein positiver Abschluss?

Weihnachten kann zeitweise zu wunderbaren führen. Gemeinsames Singen in der Einkaufsmall. Mitten im Mai würden dich die Menschen schräg anschauen, doch freue dich, jetzt, kurz vor Weihnachten darfst du es. Wir leben in einer Kultur, in der öffentliches Singen nur noch selten geduldet wird. Oder singe doch mal in der S-Bahn, in der Fußgängerzone, aus deinem Fenster in der Wohnung!!

Abschlussfrage

Welche bedeutet dir Weihnachten? Wie lebst du es (vor)?

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Beziehung, Beziehungen, Begegnung

Täglich begegnest du anderen Menschen. Mit manchen erlebst du nur eine kurze Begegnung, bei anderen sprichst du von einer Beziehung über längere Zeit. Die Beziehungen zu anderen Menschen bedeuten Nahrung für deine Seele. Sie geben dem Leben Farbe und Geschmack. Doch wie begegnest du anderen Menschen, welche Gedanken erzeugst du dabei, welche Erwartungen, welche Werte?

Quintessenz

  • Das Leben besteht aus unzähligen Begegnungen.
  • Wie begegnest du anderen? Was siehst du im Anderen?
  • Ist er Sache oder Mensch für dich?
  • Dieses Muster wirkt sich auf die Beziehung zu dir selbst aus.
  • Wie viel Wirkliches Ich steckt (noch) in dir?
  • Konkrete Wege zu dir selbst.
  • Liebe dich selbst, so wie du bist.

Das Salz des Lebens

Trostlose Tage können durch eine Begegnung mit einem anderen Menschen zu strahlen beginnen. Im Gegenzug wandeln sich gute Tage durch eine schlechte Begegnung mit dem Chef, dem Partner oder einem Freund plötzlich, sie erscheinen fad und unerträglich. Begegnungen mit anderen Menschen symbolisieren das Salz des Lebens. Ein Leben ohne Begegnung und Beziehung erscheint für die wenigsten Menschen erstrebenswert und lebenswert.

Mancher braucht sein stabiles Umfeld und freut sich über Beziehungen aus Kindertagen. Ein anderer wünscht sich hin und wieder völlig neue Kontakte, neue Impulse und neue Ansichten. Ein Dritter möchte eine Mischung: Ein paar wenige stabile Beziehungen und darüber hinaus Vielfalt und Offenheit. Jeder lebt seine Mischung, jeder würzt sein Leben individuell, um sein Leben zu gestalten.

Doch wie gestaltest du deine Begegnungen, deine Beziehungen?

Ein marktwirtschaftliches Erfolgsgeheimnis

Ein Bekannter verriet mir sein Erfolgsgeheimnis: Bei jedem neuen Kontakt stellt er sich zuerst die Frage, wobei ihm sein Gegenüber von Nutzen sein könnte. Geschäftlich würde ich ihn als erfolgreich bezeichnen. Doch welches Menschenbild steckt dahinter? Wert besitzt nur, wer ihm Nutzen stiftet? Wer keinen Nutzen stiftet, stiehlt seine Zeit?

Das marktwirtschaftliche Prinzip wird vom Warenmarkt auf den Beziehungs-Markt übertragen. Erschreckend klar beschreibt dies Erich Fromm in ‚Die Furcht vor der Freiheit‘.

»Genauso entfremdet sind die Beziehungen der Menschen untereinander. Es ist, als ob es sich nicht um Beziehungen zwischen Menschen, sondern um solche zwischen Dingen handelte. Am verheerendsten aber wirkt sich dieser Geist der Instrumentalisierung und Entfremdung auf die Beziehung des Menschen zu seinem Selbst aus.

Der Mensch verkauft nicht nur Waren, er verkauft auch sich selbst und fühlt sich als Ware. Der Handarbeiter verkauft seine Körperkraft; der Geschäftsmann, der Arzt, der Büroangestellte verkauft seine „Persönlichkeit“. Sie müssen „eine Persönlichkeit“ sein, wenn sie ihre Erzeugnisse oder Dienstleistungen verkaufen wollen. Diese Persönlichkeit sollte liebenswürdig sein, aber ihr Besitzer sollte auch noch eine Reihe anderer Erwartungen erfüllen: Er sollte Energie und Initiative besitzen und was sonst noch seine spezielle Stellung erfordert.

Wie bei anderen Waren ist auch hier der Markt, der über den Wert dieser menschlichen Eigenschaften, ja sogar über deren Existenz entscheidet. Wenn für die Eigenschaften, die ein Mensch zu bieten hat, kein Bedarf besteht, dann hat er sich auch nicht, genauso wie eine unverkäufliche Ware wertlos ist, wenn sie auch ihren Gebrauchswert haben mag.«

~ Erich Fromm

Der naive Gegenentwurf

Der Gegenentwurf zur marktwirtschaftlichen Beziehung klingt geradezu naiv. In jeder Begegnung den Anderen kennenlernen, ihn einzuladen sich zeigen, ihn ermutigen, sich selbst zu sein und ihn inspirieren, seinen Weg zu gehen (nach Gerald Hüther).

  • Naiv. Menschen einfach lieben, weil sie so sind wie sie sind. Sie nicht verändern wollen. Sie anzunehmen. Verständnis zu zeigen, Mitgefühl entwickeln.
  • Naiv. Nicht nach dem Nutzen eines Menschen fragen, sondern zu fragen, was du vom Anderen lernen kannst, was ihn einzigartig macht.
  • Naiv. Die Vielfalt der Menschen begeistert begreifen. Die Einzigartigkeit feiern. Die Bereicherung durch den anderen Menschen erkennen.
  • Naiv. Jeden Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten, seinem Beruf, seinem Aussehen, seiner Sprache, seiner Herkunft, seiner Lebensweise, seiner Werte akzeptieren und respektieren.
  • Naiv. Den Wert des Menschen nicht an seiner ökonomischen Potenz (Vermögen, Auto, Markenkleidung, …) messen.
  • Naiv. Frei von wirtschaftlichen Überlegungen in neue Begegnungen zu gehen, frei von Nutzenabwägungen.

Sache oder Mensch, Es oder Du?

Begegnungen als nutzenorientiertes, marktwirtschaftliches Kalkül oder Begegnung von Antlitz zu Antlitz, von Mensch zu Mensch. Zwei unterschiedliche Blickwinkel auf das Zusammentreffen von Menschen.

Martin Buber unterschied diese Sichtweisen durch die zwei Worte „Es“ und „Du“. Wenn jemand den anderen als Sache betrachtet, reduziert er sein Gegenüber zum „Es“. Damit reduziert er nicht nur den anderen Menschen zur Sache, sondern verwehrt sich gleichzeitig die Chance eine wirkliche Begegnung zu erfahren und daran zu wachsen.

Hingegen führt eine Ich – „Du“ Begegnung zu wirklichen Begegnungen, von der beide bereichert. Die Ökonomen würden von Win–Win-Situation sprechen.

»Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du, Ich-werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

~ Martin Buber

Definierst du den Andere als ein Es (eine Sache, ein Nutzenbringer) oder als ein Du (ein Mensch)? Was willst du für andere sein – ein Es (eine Sache) oder ein Du (ein Mensch)?

Deine wichtigste Beziehung

Ob du andere als „Es“ oder als „Du“ betrachtest, entscheidet nicht nur über deine Beziehungen zu anderen Menschen. Die Antwort auf „Es“ oder „Du“ schlägt sich in voller Wucht in deiner wichtigsten Beziehung nieder. In der Beziehung zu dir selbst.

Falls du andere als Sache betrachtest, so wirst du dich selbst ebenfalls als Sache betrachten. Dein Selbstwert, dein Selbstverständnis wird daraus abgeleitet.

»Demnach ist auch das Selbstvertrauen, das „Selbstgefühl“, nur ein Hinweis darauf, was die anderen über einen denken. Es ist nicht „er“, der von seinem Wert ohne Rücksicht auf seine Beliebtheit und seinem Erfolg auf dem Markt überzeugt ist. Wenn Nachfrage nach jemandem besteht, dann ist er „wer“; wenn er nicht beliebt ist, dann ist er schlechtweg niemand.

Diese Abhängigkeit der Selbstachtung vom Erfolg der Persönlichkeit des Betreffenden verleiht der Popularität ihre ungeheure Bedeutung für den modernen Menschen. Von ihr hängt es nicht nur ab, ob man im praktischen Leben vorankommt, sondern auch ob man seine Selbstachtung behaupten kann oder in einen Abgrund von Minderwertigkeitsgefühlen versinkt.«

~ Erich Fromm

Du wirst dich selbst optimieren wollen, um deinen Marktwert zu steigern, zu erhalten. Du bist abhängig von der Einschätzung anderer Menschen. Du wirst wollen, was in deinen Augen bei anderen deinen Wert steigert. Du wirst vermeiden, was andere nicht als positiv betrachten. Dein Ich enthält lediglich einen Spiegel der Erwartungen deines Umfelds. In diesem Sinne gibt es kein Ich, sondern ein Pseudo-Du, ein Es. Als Es bist du jederzeit austauschbar, weil du als Mensch unbedeutend bist, jeder andere mit ähnlichen Zuschreibungen wäre genauso brauchbar.

»Trotzdem ist das alles doch ein Hinweis darauf, dass man eine vage Vorstellung von der Wahrheit hat – nämlich dass der heutige Mensch nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht – wie die meisten meinen – verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat.

Es ist eine Aufgabe, der wir krampfhaft dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass wir fertig angebotene Ziele akzeptieren, als ob es unsere eigenen wären. Der heutige Mensch ist bereit, große Risiken auf sich zu nehmen beim Versuch, die Ziele zu erreichen, die angeblich „seine“ Ziele sind, aber er hat eine tiefe Angst davor, das Risiko und die Verantwortung auf sich zu nehmen, sich seine eigenen Ziele zu setzen. Eine intensive Aktivität wird oft irrtümlich als Beweis dafür angesehen, dass man sein Handeln selbst bestimmt, wenn wir auch wissen, dass es vielleicht nicht spontaner ist als das Verhalten eines Schauspielers oder eines Hypnotisierten.

Wenn die Rollen verteilt sind, kann jeder Schauspieler mit Elan seine Rolle spielen und dabei sogar in bezug auf den Text und Einzelheiten seines Spiels etwas improvisieren. Aber er spielt nur die Rolle, die ihm übertragen wurde.«

~ Erich Fromm

Welche Beziehung möchtest du zu dir selbst?

Diese Frage bedeutet Gefahr. Sehr viel gefährlicher, als du glaubst. Realistisch betrachtet ist es besser, du veränderst die Beziehung zu dir nicht. Diese Beziehung gibt dir Sicherheit, Orientierung und Gewissheit. Du bist für andere berechenbar und steuerbar. Deshalb mögen andere dich. Du spielst ihr Spiel nach ihren Regeln. Deshalb spielen andere gerne mit dir.

Da du das Spiel mit anderen spielst, brauchst du keine Zweifel oder Ängste ausstehen, dass es falsch sein könnte. Selbst wenn es falsch wäre, du bist nicht der Einzige, der sich diesem Spiel hingibt und das beruhigt dein Gewissen. Du bist zwar unendlich weit von deinem eigenen Leben entfernt, aber was das genau wäre, weißt du sowieso nicht. Herauszufinden, was dein EIGENES Leben wäre, erscheint dir zu anstrengend.

»Bisher haben wir uns in diesem Buch mit dem einen Aspekt der Freiheit befasst: mit der Ohnmacht und Unsicherheit des isolierten einzelnen in der modernen Gesellschaft, der sich von allen Bindungen befreit hat, die seinem Leben einst Sinn und Sicherheit gaben. Wir sahen, dass der Mensch diese Isolierung nicht ertragen kann; er ist als isoliertes Wesen der Außenwelt gegenüber völlig hilflos und daher voller Angst vor ihr.

Durch diese Isolierung ist die Einheit der Welt für ihn verlorgengegangen, und er hat jeden Orientierungspunkt verloren. Deshalb überfallen ihn Zweifel an sich selbst, am Sinn des Lebens, und schließlich gibt es für ihn keinerlei Grundsätze mehr, nach denen er sich in seinem Handeln richten könnte. Hilflosigkeit und Zweifel lähmen sein Leben, und um weiterleben zu können, versucht er der Freiheit – der negativen Freiheit – zu entfliehen. So gerät er in eine neue Knechtschaft hinein.

Diese unterscheidet sich von den primären Bindungen, von denen er sich noch nicht völlig gelöst hat, obwohl er sich in die Abhängigkeit von Autoritäten oder seiner gesellschaftlichen Gruppe begeben hat. Die Flucht gibt ihm auch nicht seine verlorene Sicherheit zurück, sondern sie hilft ihm nur, sein Selbst als eine separate Größe zu vergessen.

Er erlangt eine neue, aber brüchige Sicherheit, die er damit bezahlt, dass er ihr die Integrität seines individuellen Selbst zum Opfer bringt. Er entscheidet sich für den Verlust seines Selbst, weil er das Alleinsein nicht ertragen kann. So führt die Freiheit – als „Freiheit von“ nur in eine neue Knechtschaft hinein.«

~ Erich Fromm

Darüber hinaus würde sich eine andere Beziehung dir selbst gegenüber – auf die Beziehung zu deinen Mitmenschen auswirken. Und willst du wirklich deinem Umfeld anders begegnen? Willst du wirklich im anderen den Menschen sehen, willst du selbst als Mensch von anderen gesehen werden? Willst du das andere deine Schwächen sehen, deine menschliche Unvollkommenheit, deine Ängste, deine Sorgen, deine Verletzlichkeit?

Spontanes Tätigsein als Anfang

Du merkst bereits, dass Erich Fromm und sein Buch ‚Die Furcht vor der Freiheit‘ ein lesenswerter Anfang wäre. Hier ein weiteres Zitat aus dem Buch, welches einen Hinweis auf den ersten Schritt gibt.

»Weshalb ist spontanes Tätigsein eine Lösung für das Problem der Freiheit? Wir sagten, dass die negative Freiheit allein den Menschen zu einem isolierten Wesen macht, dessen Beziehung zur Welt distanziert und voller Misstrauen ist, und dessen Selbst schwach und ständig bedroht ist. Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch aufs neue mit der Welt – mit dem Menschen, der Natur und sich selbst.

Die wichtigste Komponente einer solchen Spontaneität ist die Liebe – aber nicht die Liebe, bei der sich das Selbst in einem anderen Menschen auflöst, und auch nicht die Liebe, die nur nach dem Besitz des anderen strebt, sonder die Liebe als spontane Bejahung der anderen, als Vereinigung eines Individuums mit anderen auf der Basis der Erhaltung des individuellen Selbst.

Die dynamische Eigenschaft der Liebe liegt eben in dieser Polarität, die darin besteht, dass sie aus dem Bedürfnis entspringt, die Absonderung zu überwinden und zum Einssein zu gelangen und trotzdem die eigene Individualität nicht zu verlieren. Die andere Komponente ist die Arbeit – aber nicht die Arbeit als zwanghafte Aktivität, die nur dazu dient dem Alleisnein zu entfliehen, nicht die Arbeit, die einerseits die geschaffenen Produkte vergötzt oder sich zum Sklaven dieser Produkte macht, sondern die Arbeit als Schöpfung, bei der der Mensch im Akt der Schöpfung eins wird mit der Natur.

Was für die Liebe und die Arbeit gilt, gilt für jedes spontane Tätigsein, ob es sich nun um sinnliche Freuden oder um die Teilnahme am politischen Gemeinschaftsleben handelt. Sie bejahrt die Individualität des Selbst und eint es zugleich mit den anderen Menschen und der Natur. Die der Freiheit innewohnende grundsätzliche Dichotomie – die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins – wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein des Menschen aufgelöst.«

~ Erich Fromm

Sprich vom Herzen

Gleichzeitig kannst du dich selbst beobachten. Erkenne, wann du selbst in Begegnungen mit anderen reine Floskeln aussprichst, wann du soziale Erwartungen erfüllst, wann du mitfühlendes Interesse vorgaukelst, wann du Interesse heuchelst. Wie das aussehen kann, zeigt dieses Musikvideo.

Sprich von Herzen, verschwende deine Atemluft nicht für belangloses Bla bla. Halte dich kurz oder wie leben es die Touareg:

»Wenn dein Wort nicht schöner ist,
als die Stille,
sage nichts.«

~ Touareg

Verhalten als Selbstaussage

Ein Hinweis von unbekannt, wie du mit dem Verhalten deiner Mitmenschen besser umgehen kannst, um besser mit ihnen und mit dir in Kontakt zu kommen.

»Wenn du bereit bist, das Verhalten anderer dir gegenüber als eine Reflexion ihrer Beziehung mit sich selbst anzusehen und nicht als eine Aussage über deinen Wert als Mensch, löst du dich von dem Verlangen darauf reagieren zu müssen.«

~ Unbekannt

Was jemand zu dir, über dich sagt, beschreibt über den Sprecher als über dich. Dies im Hinterkopf stellt sich Mitgefühl für den Anderen ein. Vielmehr kannst du versuchen den Anderen zu verstehen. Was versteht er unter seinen Worten. Wenn jemand dich als „respektlos“ bezeichnet, frage, was er unter respektlos versteht. Kläre die Bedeutung der Worte.

Sehe den Buddha

In Plum Village begründete Thich Nhat Hanh ein buddhistisches Meditationszentrum. Eine Geste unter den dort lebenden Menschen verkörpert das achtsame Zusammenlegen der Hände vor der Brust und sich gegenseitig verbeugen. Gedanklich versucht jeder, im anderen den künftigen Buddha zu sehen.

Dazu diese Geschichte, überliefert von Scott Peck:

»Diese Geschichte begab sich in einem Kloster, welches in schwere Zeiten geraten war.
Einst ein machtvoller Orden, gingen infolge der Verfolgungswellen und des aufkommenden Säkularismus im Laufe der Jahrhunderte all seine Zweigstellen verloren, und er schrumpfte derart zusammen, dass schließlich nur noch fünf Mönche im allmählich verfallenden Mutterhaus übrig blieben: Der Abt und vier Mönchsbrüder, ein jeder von ihnen über siebzig Jahre alt. Unübersehbar war dies ein aussterbender Orden.

In den tiefen Wäldern, die das Kloster umgaben, befand sich eine kleine Hütte, die einem Rabbi aus der nahegelegenen Stadt hin und wieder als Einsiedelei diente. Nach den vielen einsamen Jahren des Betens und der Kontemplation waren die alten Mönche ein wenig hellsichtig geworden, so dass sie es immer fühlen konnten, wenn der Rabbi sich in seiner Eremitage befand. “Der Rabbi ist in den Wäldern, der Rabbi ist wieder in den Wäldern” pflegte dann einer dem anderen zuzuraunen.

Von trostlosen Gedanken über das herannahende Ende seines Ordens gequält, fasste der Abt bei einer dieser Gelegenheiten den Entschluss, die Einsiedelei aufzusuchen und herauszufinden, ob der Rabbi nicht möglicherweise einen weisen Rat für ihn habe, mit dem das Kloster vor dem Untergang bewahrt werden könne. Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen.

Aber als jener den Grund seines Besuchs erläuterte, konnte ihn der Rabbi lediglich seines Mitgefühls versichern. “Ich weiß, wie es ist”, rief er aus. “Der Geist hat die Leute verlassen. In meiner Stadt ist es ebenso. Fast niemand besucht mehr die Synagoge.”
So weinten sie gemeinsam: Der alte Abt und der alte Rabbi. Dann lasen sie miteinander Abschnitte aus der Thora und sprachen leise über bedeutende Dinge. Als es Zeit für den Abt wurde, den Heimweg anzutreten, umarmten sie sich. “Es ist wunderbar, dass wir uns nach all den Jahren begegnet sind”, sagte der Abt, “aber dennoch habe ich das Ziel nicht erreicht, das mich hierher gebracht hat. Gibt es denn gar nichts, was Du mir sagen könntest, nicht den Funken eines Rates, der mir helfen könnte, meinen untergehenden Orden zu retten?”

“Nein, so leid es mir tut”, entgegnete der Rabbi. “Ich habe keinen Rat zu geben. Das einzige, was ich Dir mitteilen könnte, ist, dass einer von Euch Mönchen der Messias ist.”

Als der Abt wieder im Kloster eintraf, versammelten sich seine Mönchsbrüder erwartungsvoll um ihn: “Nun, was hat der Rabbi gesagt?” – “Er wusste uns keine Hilfe”, antwortete der Abt. “Wir taten nichts weiter als miteinander zu weinen und in der Thora zu lesen. Nein, das einzige, was er sagte, als ich mich schon verabschiedete, war, dass einer von uns der Messias sei. Es war irgendwie kryptisch – ich verstehe nicht, was er damit meinte.”

Während der folgenden Tage, Wochen und Monate erwogen die alten Mönche diese Mitteilung und verwunderten sich, welche Bedeutung die Worte des Rabbis haben könnten.

Der Messias einer von uns? Könnte er wahrhaftig einen von uns Mönchen hier im Kloster gemeint haben? Wenn er das wirklich gemeint hat, dann welchen von uns? Glaubst Du, er meinte den Abt? Ja, falls überhaupt einen, kann er nur den Abt gemeint haben. Der leitet uns nun schon fast ein ganzes Menschenleben lang.

Andererseits, der Rabbi könnte auch von Bruder Thomas gesprochen haben. Gewiss ist Bruder Thomas ein heiliger Mann. Jeder weiß, dass Bruder Thomas ein Mann des Lichtes ist.

Aber mit Sicherheit kann er nicht Bruder Elred gemeint haben? Bruder Elred ist manchmal ein wenig wunderlich. Doch, richtig besehen, wenn er auch bisweilen so manchem ein Dorn im Auge ist, kann man nicht umhin festzustellen, das Elred praktisch immer recht hat. Sogar sehr recht. Vielleicht meinte der Rabbi tatsächlich Bruder Elred?

Auf keinen Fall jedoch Bruder Phillip. Phillip ist so passiv, ein richtiger Niemand. Andererseits hat er, auf nahezu mysteriöse Weise, irgendwie die Gabe, genau dann zur Stelle zu sein, wenn Du ihn wirklich brauchst. Vielleicht ist tatsächlich Phillip der Messias?

Völlig ausgeschlossen ist jedenfalls, dass der Rabbi mich gemeint haben könnte. Er kann unmöglich mich gemeint haben. Ich bin nur eine ganz und gar gewöhnliche Person. Und falls nun doch? Falls doch ich der Messias bin? Oh Gott, nicht ich. Soviel könnte ich niemals für Euch bedeuten, nicht wahr?

Und indem sie sich derlei Betrachtungen hingaben, begannen die alten Mönche einander mit außergewöhnlichem Respekt zu behandeln, für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch einer von ihnen der Messias sei. Und für den ganz und gar unwahrscheinlichen Fall, er selbst sei der Messias, begann jeder von ihnen, sogar die eigene Person mit erlesenem Respekt zu behandeln.

Weil das Kloster in einem wunderschönen Wald lag, geschah es gelegentlich, dass Spaziergänger das Kloster aufsuchten, um auf seinem winzigen Rasen zu picknicken, auf seinen Wegen zu wandern, ja sogar dann und wann, um in seiner baufälligen Kapelle zu meditieren. Und bei diesen Gelegenheiten, ohne dass es ihnen im geringsten bewusst wäre, fühlten sie die Aura von ganz außerordentlichem Respekt, die nunmehr die fünf alten Mönche umgab und, von ihnen ausgehend, die Atmosphäre dieses Platzes zu durchdringen schien.

Etwas ungewöhnlich Anziehendes, ja beinahe Zwingendes lag über dem Ganzen. Ohne recht zu ahnen, wieso, begannen die Leute, das Kloster häufiger zu besuchen, um dort zu picknicken, zu spielen, zu beten.

Sie begannen ihre Freunde mitzubringen, um auch ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Und die Freunde brachten wiederum ihre Freunde.

Dann geschah es, dass einige der jüngeren Leute, die gekommen waren, um das Kloster zu besuchen, immer häufiger mit den alten Mönchen ins Gespräch kamen. Nach einer Weile fragte einer, ob er nicht bei ihnen bleiben könne. Dann ein anderer.

Und ein weiterer. So wurde, binnen weniger Jahre, das Kloster dank der Gabe des Rabbis abermals zu einem blühenden Orden, einem Zentrum, dessen Licht und Spiritualität weit über das Land hinaus strahlten.«

~ Unbekannt

Was und wen du im Anderen siehst, bestimmt dein Verhalten diesem Menschen gegenüber. Was und wen du in dir siehst, bestimmt dein Verhalten dir gegenüber.

Liebe dich selbst

Ja, das tust du sicherlich. Abgesehen von diesem und jenem. Und hier und da fällt dir sicherlich noch was ein, was du an dir ändern willst, sollst, musst. Dich selbst uneingeschränkt, so wie du bist, zu lieben, das fällt dir schwer. Vielleicht beruhigt es dich, dass es in unserer Kultur als „normal“ (von Norm) gilt, sich selbst nicht zu lieben – oder maximal sich teilweise zu lieben. Im Gegenteil, jemand der sich 100 % selbst liebt, wird mit sehr kritischen Augen betrachtet. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Sich selbst zu lieben bedeutet, sich selbst mit all seinem Sein anzunehmen. Mit allem. Alles darf so sein, alles wird geliebt. Und alles meint alles. Die paar Kilo zu viel, deine manchmal unfreundliche Art nach dem Aufstehen, deine Probleme mit dem Chef, und und und …
Deine Liebe dir selbst gegenüber kennt keine Einschränkungen oder Vorbehalte („ich könnte mich selbst lieben, wenn …“). Nein, Selbstliebe umfasst dein ganzes Sein.

Auf dieser Basis entscheidest du, ob und was du an dir verändern willst. Jedoch nicht zur Beseitigung eines Mangels oder einer Störung, sondern aus Freude an der Vielfalt des Lebens. Aus Freude an den neuen Erfahrungen, den neuen Möglichkeiten. Freude ist die Basis deiner Veränderung, deines Lebens.

Eine passende Affirmation:
„Ich liebe und akzeptiere mich, wie ich bin, in jeder Situation, unabhängig davon, was ich denke, was ich fühle, was ich tue oder was ich habe.“

Abschlussfragen

Welche Beziehung möchtest du zu dir selbst? Möchtest du Freude als Grundstein deines Lebens? Möchtest du von anderen als Sache oder als Mensch behandelt werden? Wie möchtest du anderen gegenübertreten?

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Was verbindest du mit Familie?

Die ›Familie‹, ein abstrakter Begriff, doch eine unbeschreibliche emotionale Bedeutung steht hinter diesem Wort. Welche Erfahrungen hast du aus seiner Familie mit ins Leben genommen? Welche Glaubenssätze haben sich in den Unbewusstsein geschlichen?

Tom Hodgkinson schrieb dazu in ‚Die Kunst, frei zu sein‘ (S. 258-259):

Viel zu oft bedeutet »Familie« nur noch, dass vier völlig verschiedene und einander feindlich gesinnte Personen unter demselben Dach wohnen. Die Haushalte der alten Zeit dagegen waren kreative, funktionsfähige, produktive Einheiten. Nähen, Stricken, Flicken und Anbau von Kräutern und Kopfsalat waren nicht unbedingt Schinderei (und sie sind bestimmt keine Schinderei, wenn man sie mit der ganztägigen Arbeit in einem Call-Center oder in einem Supermarkt vergleicht). Selbständige Arbeit, produktive Arbeit, autonome Arbeit, kreative Arbeit: das kann eine Freude sein. […]

Als der Haushalt noch ein lebendiger, atmender Organismus war, der Nahrung und Kleidung sowie Unterkunft lieferte, schufen wir unsere Tätigkeit weitgehend selbst. Der Familienbesitz bot Arbeit, Fröhlichkeit, Kleidung und Lebensunterhalt.

Tom Hodgkinson

Früher die Großfamilie

Familie war früher etwas ganz anderes als heute. Heute: Mama, Papa und Kind in einer 3 bis 4 Zimmerwohnung in einer Großstadt, Papa den ganzen Tag auf der Arbeit, Mama in Teilzeit, keine Geschwister, Oma, Opa, Onkel, Tanten. Das hat wenig mit der Familie vor 100-150 Jahren zu tun.

Tom Hodgkinson weiter:

Während die Unternehmen wachsen, schrumpfen die Familien. Megakonzerne werden zu Begründern von Gemeinschaften. Die zentrale Rolle als Produktionseinheit ist fast verschwunden, und das Heim ist nun eine Absteige, eine Entspannungszone und ein Zufluchtsort, an dem man fernsieht.

Früher haben Familien zusammen gearbeitet, heute sind sie passiv und durch und durch unkreativ geworden.

Die modere Familie steht lediglich für eine finanzielle Belastung – mit anderen Worten, sie ist ein Motiv dafür, Beschäftigungen zu übernehmen, die uns nicht gefallen.

Tom Hodgkinson

Dabei können Familien etwas Wundervolles sein. Ich weiß zwar nicht, ob dieses Video eine Familie zeigt, doch dieser Schluss liegt sehr nahe. Doch sieh selbst.


In welcher Familie lebst du – in welcher würdest du gerne leben?

Falls es eine Differenz zwischen dem Status deiner Familie und deinem Wunsch nach Familie gibt, was änderst du an dir, um deinem Wunsch näher zu kommen?

Abschlussfrage

In welcher Familie lebst du – in welcher würdest du gerne leben? Falls es eine Differenz zwischen dem Status deiner Familie und deinem Wunsch nach Familie gibt, was änderst du an dir, um deinem Wunsch näher zu kommen?

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Lebst du ein Schattendasein?

Wir begegnen täglich vielen Menschen. Doch ist dies wirklich so? Oder laufen Begegnungen eher oberflächlich, wie dahinrasende Züge ab, eine Art Schattendasein? Was macht es mit dir, wenn andere dich nur oberflächlich wahrnehmen?

Pascal Mercier beschreibt es so

»Begegnungen zwischen Menschen sind, so will es mir oft scheinen, wie das Kreuzen von besinnungslos dahinrasenden Zügen in tiefster Nacht. Wir werfen flüchtige, gehetzte Blicke auf die Anderen, die hinter trübem Glas in schummrigem Licht sitzen und aus unserem Blickfeld wieder verschwinden, kaum daß wir Zeit hatten, sie wahrzunehmen. Waren es wirklich ein Mann und eine Frau, die da vorbeiflitzten wie Phantasmata in einem erleuchteten Fensterrahmen, der aus dem Nichts auftauchte und ohne Sinn und Zweck hineingeschnitten schien in das menschenleere Dunkel? Kannten sich die beiden? Haben sie geredet? Gelacht? Geweint?

Man wird sagen: So mag es sein, wenn fremde Spaziergänger in Regen und Wind aneinander vorbeigehen; da mag der Vergleich etwas für sich haben. Aber vielen Leuten sitzen wir doch länger gegenüber, wir essen und arbeiten zusammen, liegen nebeneinander, wohnen unter einem Dach.

Wo ist da die Flüchtigkeit? Doch alles, was uns Beständigkeit, Vertrautheit und intimes Wissen vorgaukelt: Ist es nicht eine zur Beruhigung erfundene Täuschung, mit der wir die flackernde, verstörende Flüchtigkeit zu überdecken und zu bannen suchen, weil es unmöglich wäre, ihr in jedem Augenblick standzuhalten? Ist nicht jeder Anblick eines Anderen und jeder Blickwechsel doch wie die gespenstisch kurze Begegnung von Blicken zwischen Reisenden, die aneinander vorbeigleiten, betäubt von der unmenschlichen Geschwindigkeit und der Faust des Luftdrucks, die alles zum Erzittern und Klirren bringt? Gleiten unsere Blicke nicht immerfort an den Anderen ab, wie in der rasenden Begegnung des Nachts, und lassen uns zurück mit lauter Mutmaßungen, Gedankensplittern und angedichteten Eigenschaften?

Ist es nicht in Wahrheit so, daß nicht die Menschen sich begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen?«

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Warum wir andere im Schattendasein wahrnehmen

Es mag so viele Gründe wie Menschen geben. Pascal Mercier schreibt:

»Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen.«

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Was passiert, wenn andere nur mein Schattendasein wahrnehmen?

Nicht gesehen zu werden, nicht erkannt zu werden, negiert die wahre Existenz eines Menschen. Vielleicht lebst du mit der Zeit nur noch den Teil von dir, den andere gerne sehen?

»Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?«

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Was geschieht mit dem Teil von dir, den du nicht (mehr) lebst? Mit dem Teil, der auf seine Entfaltung wartet?

Vergehst du dich an dir selbst?

»Vergeh dich ruhig, vergeh dich an dir selbst und tu dir Gewalt an, meine Seele; doch später wirst du nicht mehr Zeit haben, dich zu achten und zu respektieren. Denn ein Leben nur, ein einziges, hat jeder. Es aber ist für dich fast abgelaufen, und du hast in ihm keine Rücksicht auf dich selbst genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um die anderen Seelen… Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangsläufig unglücklich.«

Marc Aurel

Die Regungen deiner Seele aufmerksam verfolgen. Marc Aurel in wundervollen Worten.

Was tun?

»Wenn du jemandem begegnest,
so erinnere dich daran,
dass es eine heilige Begegnung ist.
Wie du ihn siehst,
wirst du dich selbst sehen.
Wie du ihn behandelst,
wirst du dich selbst behandeln.
Wie du über ihn denkst,
wirst du über dich selbst denken.
Vergiss dies nie, denn in ihm
wirst du dich selbst finden oder verlieren.«

Ein Kurs im Wundern

Zwei Dinge kannst du tun. Du kannst die Regungen deiner Seele aufmerksam verfolgen. Höre, spüre, fühle in dich hinein. Wenn du dich nicht wahr-nimmst, wer soll es dann tun? Dies ist die erste und wichtigste Aufgabe. Danach (nicht vorher) nimm andere wahr, gehe in wirklich Begegnungen. Wirkliche Begegnungen bedeuten, den anderen so wahrzunehmen wie er ist. Nimm dir Zeit für deine Begegnungen?

Abschlussfrage

Möchtest du dein Leben im Schatten fristen – oder im eigenen Licht das Licht der anderen erkennen?

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Bist du auf Augenhöhe?

Augenhöhe ein wundervolles Wort. Sich auf gleicher Höhe begegnen. Sich gegenseitig respektieren. Jeder ist gleichwertig. Augenhöhe.

Augenhöhe bedeutet nicht Gleichheit

Die natürliche Ungleichheit der Menschen garantiert das Überleben in unterschiedlichen geografischen, klimatischen Umwelten. Doch alle Menschen sind gleichwertig, keiner besser, keiner schlechter. Dies erkannte bereits Rousseau.

»Ich erkenne in der menschlichen Gattung zwei Arten von Ungleichheit: die eine, welche ich die natürliche oder physische nenne, weil sie von der Natur eingerichtet ist, und die im Unterschied des Alters, der Gesundheit, der Kräfte und der Eigenschaften des Geistes oder der Seele besteht; die andere, die man die gesellschaftliche oder politische Ungleichheit nennen kann, weil sie von einer Art Übereinkunft abhängt und durch die Zustimmung der Menschen eingerichtet oder wenigstens gebilligt wird. Die letztere besteht in verschiedenen Privilegien, die einige auf Kosten der anderen genießen, wie reicher, geehrter, mächtiger zu sein als diese oder sich sogar bei ihnen Gehorsam zu verschaffen.«

Jean-Jacques Rousseau

Die gesellschaftliche Ungleichheit bringt ein Hotelier auf den Punkt (wahrscheinlich verstand er seine Aussage nicht im Sinne einer Ungleichheit, sondern im Sinne von Kundenservice). Doch wie viel Prozent der Menschheit lebt so?

»Unsere Kunden kennen die Herzlichkeit der Balinesen ebenso wie die State of the Art Service Center mit den schnellsten Internetzugängen in New York, die Businesssuiten in Frankfurt genauso wie die Übersetzungsdienste in koreanischen Taxis. Sie kennen die Seifen-Concierges von Ritz Carlton, die abends aus ihrem Bauchladen den Gästen zum Turn-Down-Service eine große Auswahl der feinsten Waschutensilien reichen. Bei Hochzeiten auf den Malediven haben sie Romantik pur erlebt und in Familienhotels oder Resorts wie den Robinson-Clubs Sport, Wellness und Action auf Weltklasse-Niveau genossen. Sie haben Kobe-Steaks in Japan gegessen und kennen sich mit organischem Gemüse aus dem Hochland von Bhutan aus.«

Keine Augenhöhe erleben wir oft im Berufsleben. Wir kennen Hierarchien. Oben – unten. Chef – Mitarbeiter. Befehl – Gehorsam. Macht – Ohnmacht. Funktioniert Augenhöhe im Berufsleben nicht?

Augenhöhe im Berufsleben

Eine kurze Dokumentation über Augenhöhe im Beruf. Es funktioniert, erfolgreich.

Du kannst deine Interaktionen auf Augenhöhe gestalten. Damit veränderst du die Interaktion, unabhängig davon, was der andere denkt und tut.

Abschlussfrage

Fühlst du dich mit anderen auf Augenhöhe? Wonach bewertest du, wer mit dir auf Augenhöhe ist?

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Selbstliebe – oder dein Weg zu dir?

Inspiriert von Allison Mc Millen und Charly Chaplin entstanden über die Jahre diese Zeilen zum Thema Selbstliebe. Sie verwandeln das Wort ›Selbstliebe‹ in etwas greifbares, nachvollziehbares, lebendiges. Sie beschreiben einen Weg, eine Reiseroute zur Selbstliebe.

Verstehst du dein eigenes Leiden

Kein will gerne leiden. Doch wir leiden alle. Bewusst oder unbewusst, sichtbar oder unsichtbar. Leiden sind Signale deiner Selbst, sie sprechen zu Dir: „Schau mich an, schau woher ich komme.“

Selbstliebe bedeutet nicht ohne Leiden zu sein, sondern seine eigenen Leiden zu kennen, zu verstehen und sie anzunehmen. Wer den Blick von seinem Leiden abwendet, kann sich selbst nicht lieben.

»Wir meinen, wir würden unsere Liebsten gut kennen und verstehen, aber das stimmt vielleicht gar nicht. Ohne unser eigenes Leiden und unsere eigenen Wahrnehmungen verstanden zu haben, wie können wir da das Leiden eines anderen Menschen verstehen? Wir sollten also nicht zu sicher sein, dass wir den anderen wirklich ganz verstehen. Doch wir müssen uns zunächst einmal fragen: „Verste ich mich selbst gut genug?“ Verstehe ich mein eigenes Leiden und dessen Ursachen?“«

Thich Nhat Hanh

 

Selbstliebe, als ich mich zu lieben begann

Aus meinem Leiden, meinen Versuchen mein Leiden zu verstehen, entstand im Laufe der Jahre dieser Text.

Als ich mich zu lieben begann, hörte ich auf mich zu beurteilen,
ich begann Atmung, Bewegungen, Sinneseindrücke – Gefühle und Gedanken
zu erkennen und anzunehmen,
neugierig erkunde ich meinen Rhythmus,
meine Muster, Konstruktionen, Glaubenssätze und Strategien.
Heute weiß ich, das ist Achtsamkeit.

Als ich mich zu lieben begann, veränderte sich mein Blick auf die Welt,
ließ ich die Sicherheiten los, und verlor dadurch meine Ängste,
ich atme mit allen Zellen – natürlich, leicht und locker,
ich öffne mein Herz und erkenne die Leichtigkeit des Seins,
spüre ein Zutrauen in die Menschen, in die Möglichkeiten,
und breite die Arme aus, um offen das Neue anzunehmen.
Heute weiß ich, das ist Selbstvertrauen, Vertrauen.

Als ich mich zu lieben begann, verstand ich die Bedeutung von Würde.
Würde erwächst aus dem Gebrauch meiner Fähigkeiten,
sie offenbart sich im Hier und Jetzt,
in der Art und Weise wie ich mit mir selbst umgehe
und mit der Welt in Kontakt trete.
Heute weiß ich, das ist Selbstwertschätzung, Wertschätzung.

Als ich mich zu lieben begann, wurde mir klar,
dass Beziehungen durch Begegnungen mit Bedeutung entstehen.
Lade zur Begegnung, zur Resonanz ein, bringe Zeit mit,
erzähle von deinen Beobachtungen, Gefühlen, Bedürfnissen,
erläutere die Gründe, Motive, Wurzeln und Verletzungen,
spreche und höre, ohne zu erklären und zu bewerten.
Heute weiß ich, das ist Menschlichkeit.

Als ich mich zu lieben begann, konnte ich erkennen,
dass Freude und Schmerz, Erfolg und Misserfolg wichtige Botschaften für mich sind,
sie helfen mir, meine Grenzen zu erkennen,
um auf meine innere Stimme zu achten,
Neues in die Welt zu tragen (zu lernen)
und meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich, das ist authentisch sein.

Als ich mich zu lieben begann, habe ich weniger bewertet und verurteilt.
Jetzt erkenne ich die Einzigartigkeit und Gleichwertigkeit von allen Wesen,
verstehe, dass jeder im Recht ist, jeder anders ist
und erkunde andere Landkarten, sowie die Quellen der Erfahrungen.
Heute weiß ich, das ist Respekt.

Als ich mich zu lieben begann, habe ich verstanden,
dass ich bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und das alles, was geschieht,
eine Aufforderung zum Wachsen ist – ruhig und gelassen nehme ich wahr.
Heute weiß ich, das ist Selbstachtung.

Als ich mich zu lieben begann, änderte sich meine Aufmerksamkeit, meine Energie,
von Vergangenheit und Zukunft, hin in den Augenblick.
Heute mache alles auf meine Art und Weise und in meinem Tempo,
mit Spaß und Freude, in Liebe und mit einem lachenden Herzen.
Ich lebe in der Gegenwart, die Zukunft im Blick.
Mit der Energie im Jetzt.
Heute weiß ich, das ist Wahrhaftigkeit, Wirksamkeit.

Als ich mich zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit,
was nicht gesund für mich war, was mir nicht gut tut.
Achtsam atmen, bewegen, wahrnehmen, fühlen, denken und sprechen,
wähle ich das Feld, erkenne ich die Möglichkeiten, teile ich mich mit.
Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.

Als ich mich zu lieben begann, erkannte ich, dass Konflikte wichtig sind,
um die Unterschiede der Menschen zum Ausdruck zu bringen und zu würdigen.
Heute erkenne ich hinter den Konflikten
die unterschiedlichen Bedürfnisse und Strategien zur Bedürfnisbefriedigung ,
ich verstehe sie als Möglichkeit mehr über mich und über andere zu lernen,
um das Leben in seiner Vielfalt und Vollkommenheit zu erfahren.
Heute weiß ich, das ist das Leben!

Als ich mich zu lieben begann,
wurde ich unabhängig von der Liebe anderer.
Ich übernehme die Verantwortung für mich und mein Leben.
Mein Verhalten ist freier und selbstbestimmter.
Heute liebe ich mich, so wie ich bin.«

Thomas Rehehäuser

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